160 Episoden
- Ich habe kürzlich auf einer Konferenz Dr. Patrick Schüffel kennengelernt, auf der er über Central Bank Digital Currencies gesprochen hat. Daraus hat sich diese Episode entwickelt, weil mir klar geworden ist, wie ich im Gespräch auch erwähne, dass ich das für unsere moderne Gesellschaft fundamentale Werkzeug »Geld« noch nie richtig thematisiert habe.
Dr. Patrick Schüffel ist Adjunct Professor an der Hochschule für Wirtschaft in Fribourg mit den Forschungsschwerpunkten Banking, Fintech und Krypto. Parallel dazu ist er als Berater und Gründer im Banken- und Fintech-Umfeld tätig. Zuvor war er viele Jahre im Bankwesen in Zürich und Liechtenstein beschäftigt, unter anderem auch als Chief Operating Officer der Saxo Bank (Schweiz).
Dieses Gespräch ist ein gutes Beispiel dafür, wie ich das Konzept dieses Podcasts verstehe. Ich versuche Themen aufzugreifen, die einen wesentlichen Anker in der Vergangenheit haben, aktuell bedeutsam sind und deren zukünftige Entwicklung für uns als Menschheit wesentlich ist.
All diese Aspekte sind in der heutigen Folge unbedingt gegeben.
Unterstützen Sie bitte auch dieses Projekt und kaufen Sie mein neues Buch Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der Krise, das sich grundsätzlicher und mit vielen Beispielen mit der Krise auseinandersetzt, in die unsere Wissensgesellschaft geraten ist. Eine Krise, die — wie Sie auch an dieser Episode sehen werden — weitreichende und negative Auswirkungen haben kann.
Dieser Podcast ist explizit keine Vermögens- oder Anlageberatung. Wir sprechen über Szenarien und geben keinerlei Ratschläge, wie Sie Ihr eigenes Geld anlegen oder Ihr Vermögen handhaben sollten.
Warum habe ich in fast 160 Episoden eigentlich noch nie über Geld im engeren Sinne gesprochen? Was also war und ist Geld, und was wird es in der Zukunft sein? Ist Geld, obwohl alltäglich, doch ein blinder Fleck in der Gesellschaft?
Welche Funktionen und Charakteristika erfüllt »Geld«?
»Geld ist, worauf sich zwei Parteien verständigen, dass es Geld ist.«
Seit wann kann man in der menschlichen Geschichte von Geld sprechen? Was bedeutet der Übergang vom Metall- zum Token-Geld? Welche Folgen hatte das? Wann und wie sind Banknoten entstanden? Was repräsentierten Banknoten in der Vergangenheit und was repräsentieren sie heute?
Was bedeutete die Aufkündigung des Bretton-Woods-Abkommens ab den 1970er Jahren?
Was versteht man unter »Fiat-Geld«? Auf welchen realen Wert bezieht sich Fiat-Geld in der Praxis?
Ist Geld eine Serie von Abstraktionen und sind wir heute zu weit gegangen? Welche Rolle spielt heute die Digitalisierung in der Virtualisierung von Geld?
»Inflation ist so alt wie das Staatswesen.«
Inflation hatte aber nicht immer nur mit politischer Einflussnahme zu tun. Auch privates »Clipping« war eine Manipulation in der Vergangenheit — was den Rand von Münzen bis heute erklärt.
Was ist der Wirkradius, die Einflusssphäre von Fiat-Geld? Was hatte es mit den Company Towns in den Vereinigten Staaten auf sich, mit Geld in Besatzungszonen, mit Notgeldern?
Was haben heute Bits und Bytes als Repräsentation mit Geld zu tun? Sind aktuelle Entwicklungen wie etwa Krypto-Währungen eine neue Form von Abstraktion oder im Grunde nur alter Wein in neuen Schläuchen?
Was sind Smart Contracts? Warum handelt es sich dabei mit Sicherheit um eine neue »Fähigkeit« von digitalem Geld, die es in der Vergangenheit so nicht gab?
Ist jede Form von Geld dynamisch stabilisiert? Was bedeutet dies systemisch?
Ergänzung beziehungsweise Korrektur zum Aluminium-Beispiel, das ich in der Episode erwähne:
Die Geschichte mit dem Aluminium-Geschirr ist oft erzählt, aber schlecht belegt. Tatsächlich wurde Aluminium aber in der Mitte des 19. Jahrhunderts, etwa von Napoleon III., als Statussymbol verwendet, insofern ist die Geschichte im Kern korrekt. Mit der aufkommenden industriellen Produktion war die Zeit dieses »Wertmetalls« dann sehr schnell zu Ende.
Was gewinnen und was verlieren wir, wenn wir alleinstehende Artefakte wie Gold, Silber oder Bargeld gegen Zahlungsmittel tauschen, die auf eine große technische Infrastruktur angewiesen sind?
Was ist der Unterschied zwischen Eigentum und Besitz sowie Herrschaftsrecht bei verschiedenen Zahlungsmitteln? Was bedeutet diese Unterscheidung vor allem bei den gerade aufkommenden digitalen Zentralbankgeldern — Central Bank Digital Currency (CBDC)?
»Digitales Bargeld ist meiner Ansicht nach ein Oxymoron. Das gibt es nicht.«
Aber wurde Eigentum in unseren Gesellschaften nicht schon auf viel grundsätzlicherer Ebene beschränkt oder gar beschädigt — etwa bei Landbesitz?
Aber, aus der Lebenspraxis betrachtet, ist Bargeld nicht schlicht veraltet und stirbt ohnedies aus?
Was bedeutet Debanking? In Deutschland werden allerdings keine Statistiken geführt, in UK gab es 400.000 Personen, deren Konten gegen ihren Willen gekündigt wurden. Wir erinnern uns auch noch an die Fälle von Kontosperrungen, bei denen rund 8 Mio. CAD der friedlichen Trucker-Proteste in Kanada gesperrt wurden, sowie an den Fall des deutschen Journalisten Ulrich Heyden, der als Individuum wegen vermeintlicher Propaganda debanked wurde.
Aber es geht nicht nur um Konto-Kündigungen, sondern auch um die selektive Einflussnahme auf einzelne Transaktionen, die durch Programmierbarkeit von Geld entstehen kann. Daraus entsteht ein ungeheuer wirkmächtiger Werkzeugkasten für autoritär agierende Politik oder Verwaltung.
»Die EZB sagt, der digitale Euro wird nicht programmierbar sein. Er wird konditionierbar sein. […] Mit der Infrastruktur allerdings, die gebaut wird, kann man später auch das Geld programmieren.«
Mit digitaler Währung kann man prinzipiell in Zukunft Konsumentengruppen kleinteilig in ihrem Verhalten steuern. Manche Ökonomen beschreiben dies explizit als Vorteil. Ist dies ein weiteres Puzzlestück einer etatistischen, total kontrollierten und gesteuerten Wirtschaft und totaler politischer Überwachung? Was ist der Schleier des Unwissens?
»Was kann der schlimmstmögliche Herrscher, der uns mal zukünftig bestimmt, mit dieser Technologie machen? Wie kann er sie gegen uns einsetzen?«
Was könnte der Effekt solcher Technologien sein?
»Menschen werden versuchen, sich willfährig zu verhalten. […] Ein gewisser vorauseilender Gehorsam wird sich etablieren.«
Aber es gibt noch einen Hoffnungsschimmer — worin liegt dieser?
Ergänzend zum Thema Geld spielen auch Tokens, die Tokenisierung der Welt, eine immer größere Rolle.
»Ich kann jeden Gegenstand, der in der realen Welt existiert, als einen String von Bits und Bytes verbriefen, besitzen und übertragen.«
Stablecoins sind eine Technologie, die Token repräsentiert und die andere Werte verbrieft. Sogar Dienstleistungen können so verbrieft werden. Was bedeutet dies konkret? Ist dies eine positive oder negative Entwicklung? Könnten damit Alternativwährungen etabliert werden, die politischem Zugriff weitgehend entzogen und in der Realwirtschaft verankert sind? Werden bestehende Konzepte schlicht auf eine andere technische Plattform gehoben, oder ergeben sich hier völlig neue Möglichkeiten?
Wie kann es sein, dass Geldwertstabilität gar nicht mehr eine Priorität von Notenbanken ist, sondern Entwertung zum Standard erklärt wird? Kann es einen Wettbewerb um das beste Geld geben, damit diese Manipulationen zum Schaden der Bürger ein Ende finden? Friedrich Hayek forderte schon eine Entnationalisierung des Geldes.
»Es ist höchst ungerecht, vor allem auch gegenüber Menschen mit geringerem Einkommen.«
Welche Rolle spielt KI als neue Technologie, die in ungleichem Umfang die Wirtschaft in der Zukunft beeinflussen könnte? Was ist die Währung der KI?
»In Zukunft wird es im Geldwesen fundamentale Änderungen geben, die komplett dem entgegengehen, was wir heute als Geld verstehen.«
Kommt es hier zu einer neuen Ressourcenbindung zu Energie und Infrastruktur? Eine Ressourcenbindung, die viele Staaten nicht werden bereitstellen können?
Was können wir konkret noch tun, um die Situation zu verbessern?
Andere Episoden
Episode 157: Kollektivismus oder Freiheit? Ein Gespräch mit Oliver Gorus
Episode 155: Freiheit oder Sicherheit? Ein Gespräch mit Prof. Konrad Paul Liessmann
Episode 144: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Dr. Daniel Stelter aus ökonomischer Perspektive
Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit Markus Raunig
Episode 138: Im Windschatten der Narrative, ein Gespräch mit Ralf M. Ruthardt
Episode 135: Friedrich Hayek und die Beschränktheit der menschlichen Vernunft. Ein Gespräch mit Nickolas Emrich
Episode 133: Desinformiere Dich! Ein Gespräch mit Jakob Schirrmacher
Episode 131: Wot Se Fack, Deutschland? Ein Gespräch mit Vince Ebert
Episode 130: Populismus und (Ordo)liberalismus, ein Gespräch mit Nils Hesse
Episode 117: Der humpelnde Staat, ein Gespräch mit Prof. Christoph Kletzer
Episode 107: How to Organise Complex Societies? A Conversation with Johan Norberg
Episode 88: Liberalismus und Freiheitsgrade, ein Gespräch mit Prof. Christoph Möllers
Episode 77: Freie Privatstädte, ein Gespräch mit Dr. Titus Gebel
Referenzen
LinkedIn-Profil von Patrick Schueffel
Der wissenschaftliche Vergleich Digitaler Euro vs. physisches Bargeld: Patrick Schueffel, »Can CBDC Mimic Cash? A Deep Dive into the Digital Euro Case«, Journal of Risk and Financial Management 18(7), 394, MDPI (2025), DOI: 10.3390/jrfm18070394:
Das Ganze auf allgemeinverständlichem Deutsch
Patrick Schueffel, Schneller als gedacht: Die Einführung des Digitalen Euro im Turbo-Modus (2023)
Patrick Schueffel, Die politische Komponente von CBDC (2024)
Company Scrip (Wikipedia)
Bitcoin: Satoshi Nakamoto, Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System (2008)
Ethereum: Vitalik Buterin, Ethereum Whitepaper: A Next-Generation Smart Contract and Decentralized Application Platform (2014)
Napoleon III. verwendet Aluminium als Statussymbol (ca. 1850er Jahre): Thierry Renaux, »La naissance de l’industrie de l’aluminium sous le Second Empire«, in: Éric Anceau und Pierre Branda (Hrsg.), Napoléon III et l’économie, CNRS Éditions (2024), S. 131–147
Friedrich A. von Hayek, Entnationalisierung des Geldes. Eine Analyse der Theorie und Praxis konkurrierender Umlaufsmittel, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen (1977); englisches Original: Denationalisation of Money, Institute of Economic Affairs, London (1976)
Schleier des Unwissens: John Rawls, A Theory of Justice, Harvard University Press (1971)
Alexander Schatten, Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der Krise, Seifert Verlag (2025), ISBN 978-3-903583-10-8
Beispiel Porno-Darstellerin, der Kreditkartenzahlung verweigert wurde, zahlreiche Fälle, Rolling Stone (2023)
Trucker-Proteste in Kanada
Journalistische Äußerung, die zum digitalen Zahlungs-Boykott führt, der Fall Ulrich Heyden: ND-Aktuell (2026) und European Conservative (2026) - Wenn wir die technologische Veränderung der Welt betrachten, drängt sich immer wieder die Frage auf, wie viel wir davon überhaupt steuern können und von welchen Randbedingungen das abhängig ist.
Kürzlich ist mir der Begriff des Molochs wieder untergekommen, beziehungsweise der Moloch-Falle, und dieser bietet nicht nur religiös, sondern auch kulturgeschichtlich eine sehr interessante Referenz oder Referenzrahmen zu dieser Frage.
Ein wirklich spannendes Thema zum weiterdenken und diskutieren.
Was sind die mythologischen und religiösen Hintergründe des Moloch-Begriffs?
»Du sollst keins deiner Kinder dem Moloch durchs Feuer weihen und so den Namen deines Gottes entweihen« (Levitikus 18,21).
Warum ist die künstlerische und kulturelle Rezeption deutlich wichtiger als die religiösen Ursprünge? Einige Beispiele:
Milton, Paradise Lost
Giovanni Pastrone, Cabiria (1914)
Allen Ginsberg, Howl (1956)
Die Filmreihe: Die purpurnen Flüsse
Und nicht zuletzt Fritz Lang mit seinem Film-Meisterwerk Metropolis aus dem Jahr 1927.
In Paradise Lost eröffnet der Moloch den Rat im Pandämonium:
»the strongest and the fiercest Spirit
That fought in Heav'n; now fiercer by despair«
[…] »My sentence is for open Warr.«
Warum ist das bedeutsam? Was hat das mit der Logik des Wettrüstens und der Spieltheorie zu tun?
Filmset von Metropolis
In Metropolis wird eine Bildsprache entworfen, die über die nächsten 100 Jahre immer wieder zitiert wird: Die Maschinenfront verwandelt sich in einen kolossalen Götzen mit weit geöffnetem, glühendem Rachen. Eine Treppe führt zu diesem Maul hinauf. Die gebeugte Arbeiterkolonne wird hinaufgetrieben, angeführt von priesterlichen Figuren mit Kopfschmuck und Peitschen. Die Arbeiter verschwinden im Schlund, während unten bereits die nächste Kolonne wartet.
Diese Stilistik wird immer wieder verwendet und kopiert auch in der Pop-Musik, z.B.:
Queen, »Radio Ga Ga« (1984)
Freddie Mercury, »Love Kills« (1984)
Madonna, »Express Yourself« (1989
Beyoncé, »Sweet Dreams« (2009)
Wie unterscheidet sich der Moloch von den traditionellen Gottes-Vorstellungen und warum ist das für die kulturelle Rezeption wesentlich?
Was ist nun der Bezug zu Technik, Fortschritt und aktueller Politik? Es gibt verschiedene Perspektiven und Beispiele, die in der Episode diskutiert werden:
Umgangssprache
Das Problem des Koordinationsversagens, die zu einer Lose-Lose Situation führen
Lärm und Rauschen, die wesentliche Probleme überdecken
Sport
Bildung und Wissenschaft
Märkte und Finanzen
Alltag
und aktuell: das KI-Wettrennen
Dann gibt es aber die Perspektive mit umgekehrten Vorzeichen, die Kevin Kelly etwa in seinem Buch The Inevitable darstellt. Was ist darunter zu verstehen?
Andere Episoden
Episode 156: Neues liegt in der Luft?
Episode 153: Potent Stuff, A Conversation with Prof. Jacob Howland
Episode 152: Säkulare Glaubensbekenntnisse
Episode 150: Wie kommt Neues in die Welt?
Episode 148: Künstliche Vernunft? Ein Gespräch mit Jan Juhani Steinmann
Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit Markus Raunig
Episode 139: Komfortable Disruption
Episode 134: Das Werdende, das ewig wirkt und lebt? Transzendent oder Transient
Episode 129: Rules, A Conversation with Prof. Lorraine Daston
Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger über Generationen
Episode 121: Künstliche Unintelligenz
Episode 110: The Shock of the Old, a conversation with David Edgerton
Episode 98: Ist Gott tot? Ein philosophisches Gespräch mit Jan Juhani Steinmann
Referenzen
Bibelstellen zu Moloch:
Levitikus 18,21
Levitikus 20,2–5; 2
Könige 23,10
Jeremia 32,35
Moloch (Britannica)
John Milton, Paradise Lost, Samuel Simmons, London (1667)
Gustave Flaubert, Salammbô, Michel Lévy Frères, Paris (1862)
Giovanni Pastrone (Regie), Cabiria, Itala Film, Turin (1914)
Fritz Lang (Regie), Metropolis, Universum-Film AG (Ufa), Berlin (1927)
Thea von Harbou, Metropolis (Roman), August Scherl Verlag, Berlin (1926) — zum Vergleich der Motivik mit dem Film
Charlie Chaplin (Regie), Modern Times, United Artists (1936)
Allen Ginsberg, Howl and Other Poems, City Lights Books, San Francisco (1956)
Queen, »Radio Ga Ga« (1984)
Madonna, Express Yourself
Beyoncé, Sweet Dreams
Scott Alexander, Meditations on Moloch, Slate Star Codex (2014)
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Dokumentation zur Rekonstruktion von Metropolis (2010)
Kevin Kelly, The Inevitable. Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future, Viking (2016)
Kevin Kelly, What Technology Wants, Viking (2010) - Es freut mich sehr, dass ich für dieses Gespräch Oliver Gorus gewinnen konnte. Es fügt sich inhaltlich an das kürzliche Gespräch mit Prof. Konrad Paul Liessmann an, gibt aber einen anderen, sehr wesentlichen Blickwinkel wieder, den wir ebenfalls in der breiten Diskussion viel zu wenig hören.
Oliver Gorus ist seit einem Vierteljahrhundert Unternehmer in mehreren Branchen. Er ist Gründer und Herausgeber des freiheitlichen Online-Magazins »Der Sandwirt«, Kolumnist und Kommentator bei den »Freiheitsfunken«, bei »eigentümlich frei«, beim Kontrafunk und auf X.
Er ist glücklicher Familienvater, Schwabe und ungern auf Reisen. Er lebt in Südtirol und liebt die Freiheit.
Es war geradezu erfrischend, mit jemandem zu sprechen, der Freiheit als Konzept und Lebenspraxis ernst und sehr persönlich nimmt. Die meisten Menschen, denen ich heute in Europa begegne, gerade auch formal Gebildete, scheinen mir eher einer Untertanen-Mentalität anzuhängen. Was kann der Staat für mich tun? Oder, noch schlimmer, was sagt mir der Staat oder ein beliebiger Vertreter einer Obrigkeit, was ich tun soll? Und wenn es kein Leitbild von oben oder einer beliebig banalen Bubble gibt, ist man verloren. Dieser Weg in die Sackgasse, in der wir uns in Europa befinden, beschleunigt sich täglich. Darum erscheint es mir so wichtig zu sein, Dinge und vor allem vermeintlich intellektuelle Ideen, die sich aber eher als Glaubenssätze herausstellen, fundamental zu hinterfragen.
Wir beginnen mit der Grundfrage: Was ist Freiheit, besonders im Kontext der heutigen Zeit und der Veränderung über die Zeit? Verschiebt sich die Bedeutung »Freiheit von« (negativ) gegenüber »Freiheit zu« (positiv)?
Hat sich auch die Bedeutung des Wortes Liberalismus vs. Libertarismus verschoben? Wie stehen Freiheit vs. Kollektivismus heute?
Sind »links« und »rechts« noch zeitgemäße Einordnungen? Welche gesellschaftlichen Aspekte fallen überhaupt in diese Betrachtung?
Ist Philip Pettits republikanische Definition von Freiheit relevant? Es ginge nicht um das Beherrschtwerden, sondern um das Potenzial, beherrscht zu werden. Was ist der Unterschied?
Geht es dem Sklaven, der vom Herrn Champagnerfrühstück serviert bekommt, nicht gut? Was ist das Problem?
Warum sind die Corona-Maßnahmen ein bedrohliches Beispiel für den Zustand der Freiheit in Europa und der westlichen Welt? Ein aktuelles Beispiel sind die immer totalitäreren Maßnahmen, die in der EU und Deutschland beschlossen werden, gerne während der Urlaubssaison oder während einer Fußball-WM, in der Hoffnung, dass die Menschen abgelenkt sind und Journalisten noch weniger kritisch arbeiten als sonst.
»Ein Geheimdienst, der im Verborgenen arbeitet, bekommt operative Fähigkeiten, damit wird das alte Trennungsgebot — eine der Lehren aus dem Dritten Reich — missachtet. […] Das sind Strukturen, die hier gebaut werden, die an die dunkelsten Zeiten unserer Geschichte erinnern.«
Dies ist aber nur eines von zahlreichen Beispielen.
Wie sind wir in diese existenzielle Krise geraten, in der wir in Europa stecken, und besteht hier nicht ein Zusammenhang?
Sind Menschen, die Freiheit wollen, nicht in der Minderheit? Sind wir Untertanennationen, lieben die meisten Menschen gar das betreute Denken?
»Wir Freiheitlichen sind im deutschsprachigen Raum traditionell und schon immer in der Minderheit. […] Ich glaube, dass die Freiheit in Deutschland in den Köpfen der Menschen unterentwickelt ist und es nur eine Minderheit ist, die überhaupt bemerkt, dass hier solche Machtstrukturen aufgebaut werden.«
Ist die Situation hoffnungslos, oder kann sich daran etwas ändern? Wird sich genug Druck im Lande für wesentliche Änderungen aufbauen oder werden die Fähigen und Klugen schlicht Deutschland, Österreich und Europa verlassen und damit die Situation wesentlich schlechter machen?
Ist eine Zersplitterung der Gesellschaft zu vermeiden, oder erkennen wir gerade einen Trend ins Gegenteil?
Ist der Begriff der »Krise« überhaupt anwendbar oder erleben wir eher Zusammenbruch als Krise? Entwickeln sich Gesellschaften in Zyklen? Wie wären diese zu denken?
Was ist die Rolle von Kultur? Wer bestimmt, was zur Kultur wird?
»Von dem Ich und dem Du geht es über in das Man. […] Da gibt es dann plötzlich dieses kollektive Wir.«
Sind Individuen in der heutigen Phase, wenn eine Nation über den Zenit ist, noch eine Wirkmacht? Was oder wer dann? Wie endet der Zyklus aber dann und was geschieht danach?
»We gave authority to the people who explained things. Not the people who built them.«, Marc Andreessen
Und dazu passend:
»The world you see everywhere around you, could never have been built by the people you see now living within it.«, Eric Weinstein
Was ist davon zu halten?
»Würde heute ein Ludwig Erhard leben, der Vater des Wirtschaftswunders, der würde verzweifeln, der wäre völlig machtlos.«
Warum sind die USA trotz aller Probleme, die es dort gibt, deutlich erfolgreicher als Europa? Gibt es einen Technik-Zyklus, den die USA treiben und wir verpassen? Oder ist dies überhaupt ein Phänomen, das gar nicht mehr einzelnen Nationen leicht zuordenbar ist?
Wie kann in einem Gemeinwesen überhaupt eine Entscheidungsfindung stattfinden, die zu konstruktiven Ergebnissen führt? Zentral oder dezentral? In welchem Verhältnis? Oder ist Anarchismus eine Variante?
»Steckt in der Demokratie immer schon die Saat des Versagens?«
Begegnen sich Extremisten im Kollektivismus? Kann man am Wesen des Menschen vorbei theoretisieren? Und was sind die Folgen davon?
»In allen menschlichen Kulturen gibt es Strukturen.«
Können und dürfen wir Menschen ändern?
Auf welcher Ebene und in welcher Skalierung sollten und können Entscheidungen effektiv getroffen werden — was hat das für Konsequenzen? Braucht es die Kleinteiligkeit, den Flickenteppich? Leben wir aktuell gar in einer Fürstenherrschaft?
»Diese ›unsere Demokratie‹ ist eine Aristokratie.«
Was nun? Gibt es einen Ausweg? Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten:
Über das Danach nachdenken und entsprechende Konzepte vorbereiten
auf emergente Phänomene hoffen
Parallelstrukturen schaffen
Warum ist der Volkswagen-Konzern ein gutes Spiegelbild für die deutsche Gesellschaft?
»Die Leistungsfähigen werden bestraft und die Nicht-Leistungsfähigen oder Nicht-Leistungswilligen werden belohnt. Das führt dazu, dass immer mehr Leute die Seite wählen, wo sie alimentiert werden.«
Wie kann es einen Neuanfang geben? Regional? Wenn wir in Europa über den Euro alle Fehler und alles Versagen über Nationen verteilen? Wie soll das funktionieren? Ist das nur eine Phase? Was wird zerbrechen?
»Harte Zeiten produzieren gute Leute, gute Leute produzieren gute Zeiten, gute Zeiten produzieren schwache Leute, und schwache Leute führen alles wieder zum Zusammenbruch. […] Wir haben gerade sehr, sehr viele, sehr, sehr schwache Menschen.«
Wie kann es aber gelingen, Schwache und Bedürftige weiter zu unterstützen ohne ein Sozialsystem, wie wir es heute haben, das völlig seinen Fokus verloren hat und in keiner Weise nachhaltig ist?
Welche Rolle spielt Bildung? Warum ist unser aktuelles Bildungssystem trotz der enormen Kosten, die es verursacht, so dysfunktional?
Führt staatliche Wohlfahrt und Bildungswesen zum Gegenteil des erwünschten Effektes?
»Kinder lernen schon in den Familien, vom Staat abhängig zu sein. […] Echte professionelle Jugendarbeit und Sozialarbeit ist ein Kampf gegen Windmühlen.«
Ein Bonmot, das ich kürzlich gelesen habe sagt:
»Most jobs today are adult daycare.«
Ist das zu polemisch?
Wie ist das zu denken mit aktuellen Entwicklungen in künstlicher Intelligenz und Robotik — einige Jahre in die Zukunft gedacht?
»Der Bildungssektor wird sich anpassen, sobald er nicht mehr staatlich ist. […] Es wird sich ein so bunter Strauß an Bildungsformen ausbilden, dass es auch für die unter Anführungszeichen Schwächsten hervorragende Bildungsmöglichkeiten geben wird.«
Andere Episoden
Episode 155: Freiheit oder Sicherheit? Ein Gespräch mit Prof. Konrad Paul Liessmann
Episode 153: Potent Stuff, A Conversation with Prof. Jacob Howland
Episode 152: Säkulare Glaubensbekenntnisse
Episode 150: Wie kommt Neues in die Welt?
Episode 144: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Dr. Daniel Stelter aus ökonomischer Perspektive
Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit Markus Raunig
Episode 138: Im Windschatten der Narrative, ein Gespräch mit Ralf M. Ruthardt
Episode 136: Future Brunels? Learning from the Generation that Transformed the World. A Conversation with Dr. Helen Doe
Episode 131: Wot Se Fack, Deutschland? Ein Gespräch mit Vince Ebert
Episode 130: Populismus und (Ordo)liberalismus, ein Gespräch mit Nils Hesse
Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger über Generationen
Episode 117: Der humpelnde Staat, ein Gespräch mit Prof. Christoph Kletzer
Episode 114: Liberty in Our Lifetime 2: Conversations with Lauren Razavi, Grant Romundt and Peter Young
Episode 113: Liberty in Our Lifetime 1: Conversations with Massimo Mazzone, Vera Kichanova and Tatiana Butanka
Episode 108: Freie Privatstädte Teil 2, ein Gespräch mit Titus Gebel
Referenzen
Oliver Gorus auf X
Der Sandwirt
Philip Pettit, Republicanism. A Theory of Freedom and Government, Oxford University Press / Clarendon Press, Reihe Oxford Political Theory (1997)
Ben Shapiro, Lions and Scavengers. The True Story of America (and Her Critics), Threshold Editions (2025)
Ulf Poschardt, Shitbürgertum, Westend Verlag (2025)
Ulf Poschardt, Bückbürgertum. Eine Geschichte verlorener bürgerlicher Kulturkämpfe, Westend Verlag (2026)
Marc Andreessen Tweet
Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Original: The Open Society and Its Enemies), Routledge (1945)
David Graeber, Bullshit Jobs. A Theory, Simon & Schuster (2018)
Balaji Srinivasan, The Network State. How to Start a New Country (2022) - Nach dem hervorrageden Gespräch mit Prof. Liessmann bin ich gleich mal auf Urlaub gegangen und jetzt gibt es nach dem Urlaub eine spontane und sehr anekdotische Episode zu einem Thema, das mich während des Urlaubs untergekommen ist. Der Titel der Episode lautet: Neues liegt in der Luft?
Wie kommt es dazu, dass fast alle großen Entdeckungen parallel von verschiedenen Menschen gemacht werden?
Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der Krise
Das Buch zum Podcast!
Was ist das »adjacent possible?« Wie kommt es zu diesen Mehrfachentdeckungen, sowohl in Technik, Wissenschaft aber auch in der Kultur? Was sind wesentliche und spannende Beispiele dafür?
»Ein Baum verleiht jenem Baum, der aus ihm hervorgeht, Ordnung und Organisation, ohne die Ordnung zu kennen: ein Tier in gleicher Weise seinem Nachkommen; ein Vogel seinem Nest; und Beispiele dieser Art sind in der Welt sogar häufiger anzutreffen als solche Fälle von Ordnung, die aus Vernunft und Planung entstehen. Zu sagen, dass all diese Ordnung bei Tieren und Pflanzen letztlich aus einem Entwurf [Design] hervorgeht, ist eine petitio principii [eine Erschleichung der Voraussetzung]; und dieser wichtige Punkt lässt sich nicht anders feststellen, als indem man a priori beweist, dass Ordnung ihrer Natur nach untrennbar mit dem Denken verbunden ist und dass sie niemals von sich aus oder aus ursprünglichen unbekannten Prinzipien der Materie zukommen kann.«, David Hume
Gilt die »Great Man in History« Theorie auch in der Innovation?
Wer hat nun Erfolg und was sind die Rahmenbedingungen?
Ist Wissen(schaft) wertfrei oder kann der Pfad gesteuert werden? Wie?
»Science is like a knife. If you give it to a surgeon or a murderer, each will use it differently.«, Wernher von Braun (1912 - 1977)
Andere Episoden
Episode 155: Freiheit oder Sicherheit? Ein Gespräch mit Prof. Konrad Paul Liessmann
Episode 153: Potent Stuff, A Conversation with Prof. Jacob Howland
Episode 150: Wie kommt Neues in die Welt?
Episode 144: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Dr. Daniel Stelter aus ökonomischer Perspektive
Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit Markus Raunig
Episode 136: Future Brunels? Learning from the Generation that Transformed the World. A Conversation with Dr. Helen Doe
Episode 131: Wot Se Fack, Deutschland? Ein Gespräch mit Vince Ebert
Episode 128: Aufbruch in die Moderne — Der Mann, der die Welt erfindet!
Episode 107: How to Organise Complex Societies? A Conversation with Johan Norberg
Episode 104: Aus Quantität wird Qualität
Episode 90: Unintended Consequences (Unerwartete Folgen)
Referenzen
David Hume, Dialogues Concerning Natural Religion (1779), Part II (spoken by the character Philo, who often represents Hume’s skeptical views)
Physics in History Zitat
Eliezer Yudkowsky, „Pausing AI Developments Isn't Enough. We Need to Shut it All Down", TIME, veröffentlicht am 29. März 2023. 155 — Freiheit oder Sicherheit? Ein Gespräch mit Prof. Konrad Paul Liessmann
29.06.2026 | 1 Std. 11 Min.Zum Beginn der Ferien freue ich mich, Ihnen eine ganz besondere Episode mit dem Titel »Freiheit oder Sicherheit« präsentieren zu dürfen. Eine besondere Episode deshalb, weil mein Gast Prof. Konrad Paul Liessmann ist.
Konrad Paul Liessmann ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Wien. Aber er ist nicht nur wissenschaftlich äußerst erfolgreich. Er steht auch seit Jahrzehnten als herausragender Beobachter und wichtiger Kritiker der kulturellen und politischen Landschaft in der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit meint damit dutzende Bücher, unzählige Artikel in Zeitungen und Magazinen sowie Auftritte in Fernsehen, Radio und Veranstaltungen aller Art.
Für die Hörer dieser Episode möchte ich besonders die folgenden Bücher hervorheben:
Theorie der Unbildung
Lauter Lügen
Was nun? Eine Philosophie der Krise .
Prof. Liessmann ist auch Intendant des Philosophicums Lech, das im September unter dem Titel »Betreutes Denken« stattfindet. Ein Thema, das perfekt zu diesem Podcast passt; ich hoffe, Ihnen dazu im Herbst noch mehr Informationen bieten zu können.
Für mich persönlich war es eine ganz besondere Freude, dass Prof. Liessmann sich Zeit für ein Zukunft-Denken-Gespräch genommen hat, da ich seine Artikel und Bücher seit mindestens 30 Jahren mit großer Bereicherung lese. Hinzu kommt, dass er seine fundierte Kritik etwa am Bildungssystem oder an der Universität schon als aktiver Wissenschafter deutlich vorgetragen hat, im Gegensatz zu vielen anderen, die dies nur hinter vorgehaltener Hand tun.
Viele Themen die wir in diesem Gespräch ansprechen, diskutiere ich auch in meinem neuen Buch:
Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der Krise.
Ich beginne das Gespräch mit der grundlegenden Frage: Was ist der Mensch? Ist der Mensch von Natur aus gut und wird verführt oder von der Natur her schlecht und muss eingehegt werden?
»In der Antike wird der Mensch als Wesen betrachtet, das zwischen Extremen hin und her pendeln kann. Aber gleichzeitig durch seine Vernunftbegabung die Möglichkeit hat, das Bessere zu wählen und das Schlechtere zu vermeiden.«
Was hat sich in der Betrachtung des Menschen von der klassischen Tugendlehre bis heute verändert?
»Wenn wir ein Naturwesen sind — was ist die Natur?«
Einer der häufig genannten Denker in diesem Themenfeld ist Thomas Hobbes:
»Im Naturzustand ist der Mensch dem Menschen ein Wolf.«
Liegt der Ursprung der Konflikte darin, dass wir gleich sind? Ist der Mensch gar von Natur aus gut, wie Jean-Jacques Rousseau annimmt? Gibt es folglich keinen zivilisatorischen Fortschritt oder wird gar das Bild eines vermeintlich »edlen Wilden« verherrlicht? Behindern also, konsequent weitergedacht, Wissenschaft und Kunst die Humanität und führen zu Rückschritt statt Fortschritt?
Oder sollten wir uns eher an Immanuel Kant orientieren?
»Der Mensch ist nicht von Natur aus böse, er ist aber auch nicht von Natur aus gut. Er ist ein Wesen, das verschiedene Motivlagen in sich hat.«
Aber all diese Fragen scheinen nur Sinn zu ergeben, wenn wir handlungsfähige Wesen sind. Verfügen wir nun über Handlungs- und Willensfreiheit? Unterliege ich also meinen Neigungen oder bin ich in der Lage, mich zu entscheiden, diese zu verändern? Folgen wir wieder Immanuel Kant?
»Man kann natürlich darüber diskutieren, ob der Mensch ein freies Wesen ist. Tatsache ist, wir müssen uns das wechselseitig unterstellen und tun es auch.«
Gilt die kühne These der politischen Geschichte:
»Das Problem war nie, ob Menschen frei sind, sondern das Problem war immer, wie kann ich ihnen diese Freiheit nehmen.«
Ist also der Mensch von Natur aus frei? Damit sind wir im Gespräch beim Begriff der Freiheit angelangt. Wie hat sich dieser Begriff auch über die vergangenen Jahrhunderte verändert?
»By liberty, was meant protection against the tyranny of the political rulers.« John Stuart Mill (1859)
Was war die programmatische Rolle der Französischen Revolution? Kann die Romantik und damit die Idee der romantischen Liebe als frühes Emanzipationsmodell gesehen werden? Was sind die Ideen der Freiheit des 19. Jahrhunderts von John Stuart Mill über Karl Marx bis Hegel?
»Freiheit ist [nach Mill] etwas, das sich gegen jetzt nicht mehr legitimierbare Herrschaftsansprüche richtet. Das muss man wieder in Erinnerung rufen, weil wir das vergessen haben. Die Erklärung der Menschenrechte war eine Erklärung von Abwehrrechten. Man hat versucht, die Zugriffe des Staates auf den einzelnen Bürger abzuwehren. Menschenrechte waren immer Individualrechte, nie Kollektivrechte.«
Freiheit bezieht sich also unter anderem auf Eigentum, freie Religionsausübung, freies Denken, Bewegungsfreiheit, wirtschaftliche Freiheit. Heute sprechen viele hingegen, als ginge es um Anspruchsrechte. Wie hat sich das verändert? Wie ist dieser unglaubliche Paradigmenwechsel, der die Idee der Menschenrechte neu definiert, in den letzten Jahrzehnten zustande gekommen?
»Wir waren die ersten, die erklärt haben, daß die Freiheit des Individuums um so mehr beschränkt werden muß, je komplizierter die Zivilisation wird.« Benito Mussolini
Hat diese Idee des Faschismus bis in die heutige Zeit Wirkmacht? So manche Äußerung von Intellektuellen scheint in diese Richtung zu deuten?
»Ich bin extrem vorsichtig und skeptisch gegenüber allen Konzeptionen, die mit der angeblichen Komplexität der Welt versuchen, die Freiheit des Menschen einzuschränken, beziehungsweise Strategien argumentieren, dass der Mensch geleitet, gelenkt und in ein Kollektiv eingebunden werden muss. […] Das hat immer schon den Keim des Totalitären in sich.«
Auch hier stellt sich wieder die alte Kantische Frage: woher wissen diejenigen, die leiten wollen, die uns bevormunden wollen, was »das Richtige« ist?
Wie lässt sich diese Problematik auf die aktuelle Diskussion um die Nutzung sozialer Netzwerke, sowohl von Jugendlichen wie auch von Erwachsenen, anwenden? Welche besonderen Fähigkeiten besitzen diejenigen, die im Gegensatz zu uns Normalsterblichen so genau wissen, was richtig und falsch ist, und damit unseren Zugang zu Information — zu unserem Wohle — beschneiden wollen?
»Offensichtlich ist die Welt nur für eine bestimmte Art von Menschen komplex, andere haben den Durchblick.«
Wenn nun aber möglicherweise der »Normalbürger« von der Komplexität der Welt überfordert ist und bei jedem Schritt von »Experten« an die Hand genommen werden muss, welchen Sinn ergibt dann überhaupt Demokratie? Wer entscheidet, wer als Experte gilt? Geht es da nur um »unsere Demokratie« oder hat diese Problematik eine längere Geschichte? Wie verändert sich das Verhalten von Menschen in Gruppen?
»Demokratie steht immer vor diesem paradoxen Problem, auf der einen Seite den Bürgern tatsächlich alle Rechte zu geben und sie zum Souverän zu machen, und auf der anderen Seite nach Verfahren und Regeln zu suchen, wo man die Abgründe dieses Souveräns, seine Irrtumsanfälligkeit, auch seine Gehässigkeit in geregelte Bahnen lenkt.«
Die Rolle von Verfassungen und rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen? Was ist dann etwa davon zu halten, wenn nach Wahlen ein Teil des Volkes das Wahlergebnis nicht akzeptieren möchte?
Betrachtet man die Gruppe der »Experten«, der Akademiker, der Unis — sind dort keine Gruppenphänomene zu betrachten? Handelt es sich nur um rein rationale Denker auf der Suche nach Wahrheit oder kommt es auch dort zu opportunistischen Irrwegen? Was folgt daraus?
»Die Expertokratie ist kein Gegenmodell […] man muss in den sauren Apfel beißen.«
Ab wann wäre also man gebildet und erwachsen genug, um an der Demokratie teilnehmen zu können, und noch wichtiger: wer beurteilt das.
“The most basic question is not what is best but who shall decide what is best.”, Thomas Sowell
Damit wird eine der schwierigsten Fragen aufgeworfen: Was ist der Zusammenhang zwischen Expertise und Entscheidungsfindung in einer Demokratie?
»Auch die kommunistischen Staaten haben sich auf dem Boden einer materialistischen Wissenschaft gewähnt. Sie haben auch geglaubt, sie bauen ihre zukünftige Gesellschaft auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse auf.«
Zu welchen totalitären Exzessen hat dies geführt?!
»Die Rassentheoretiker und Anthropologen der Nazis haben sich als Wissenschaftler gefühlt, nicht als Ideologen.«
Neue Erkenntnisse und die Veränderung des Wissens scheinen die Konstante zu sein und nicht »die Wissenschaft« als Begründung für vermeintlich alternativlose Entscheidungen...?
»Das Spannende an der Wissenschaft ist ja genau das Prinzip der Vorläufigkeit.«
Was ist von Popper und dem Prinzip der Asymmetrie zu halten, und zwar sowohl in Politik wie Wissenschaftstheorie?
»Der friedliche Regierungswechsel gehört zum Wesen der Demokratie.«
Macht tendiert immer dazu, sich selbst über alle Maßen bestätigen zu wollen. Was sind die grundlegenden Prinzipien und Ideen, ja das Wesen der Demokratie?
»Demokratie läuft auch immer Gefahr, sich selbst aufzuheben.«
Kommen wir nun zum Begriff der Sicherheit — wie steht Sicherheit im Wechselspiel oder gar im Gegensatz zu Freiheit? Leben wir in Zeiten radikaler Unsicherheit — was bedeutet das überhaupt und was sind die Folgen davon?
Wie hat sich das Gefühl der Sicherheit und die Sicherheit, was der nächste Tag bringt, über die Zeit verändert? Der Wunsch nach dem Blick in die Zukunft hat die Menschen immer angetrieben, wir erinnern uns an das Orakel von Delphi und die zahlreichen (teuren) Institute, die sich um Wirtschaftsprognosen bemühen.
»Die Unsicherheit der Zukunft gegenüber zu beklagen, hieße genauso darüber zu klagen, dass wir keine determinierten Maschinen sind.«
Wie hängt der mögliche oder unmögliche Blick in die Zukunft mit unserem Gefühl der Sicherheit im Hier und Jetzt zusammen?
»Wir sind eine zukunftsversessene Gesellschaft. Wir fragen immer 'Was kommt?', nie 'Was ist?'«
Sind Sicherheit und Freiheit nun Gegensätze oder vielmehr einander bedingende Prinzipien? Kann ein Leben in Sicherheit gerade durch die Bedingungen dieser Sicherheit ein nicht-lebenswertes Leben sein?
Was ist die Rolle des Staates in diesem Wechselspiel oder Gegensatz? Hat sich der Staat um das Glück seiner Bürger zu kümmern? Welche philosophischen Ideen stehen sich hier gegenüber?
Welche Rolle spielen Meinungsfreiheit und individuelle Werte in dieser Diskussion?
»Das Problem ist nicht, dass es das Unverfügbare oder das Neue gibt, sondern das Problem ist, mit welcher Ausstattung und welcher Einstellung, mit welchen Möglichkeiten und Fähigkeiten treten wir dem gegenüber.«
Was bedeutet dies für Bildung, Schule und Universität?
»Wir müssen lernen, wieder mit dem Problem der Offenheit umzugehen, aber gleichzeitig Geschichtsfatalismus vermeiden. […] Wir trauen uns sowohl als Individuum als auch als Gesellschaft nicht mehr zu, tatsächliche Entscheidungen zu treffen.«
Was können wir aus früheren Krisen lernen?
»I am more concerned by what the Bomb is doing already.«, C. S. Lewis (1958)
»Human life has always been lived on the edge of a precipice. Human culture has always had to exist under the shadow of something infinitely more important than itself. If man had postponed the search for knowledge and beauty until they were secure, the search would never had begun. […] Life has never been normal.«, C. S. Lewis (1939!)
Gehen wir auf der einen Seite in vielen politischen und gesellschaftlichen Bereichen große Risiken ein, aber dort, wo es wirklich zählt — etwa beim Denken — wird es immer eindimensionaler?
Kann der Staat zugleich schwach und übermächtig sein? Kann der Staat somit einerseits ohnmächtig sein, andererseits versuchen, seine Macht in den verbleibenden Bereichen übermäßig auszuspielen, und wer ist eigentlich »der Staat«?
»Müssen mündige Bürger wirklich ständig darauf hingewiesen werden, was sie zu essen haben, vor was sie sich in Acht nehmen sollen...?«
Gilt nicht der Satz von Wilhelm von Humboldt immer noch:
»Was nicht von dem Menschen selbst gewählt, worin er auch nur eingeschränkt und geleitet wird, das geht nicht in sein Wesen über, das bleibt ihm ewig fremd, das verrichtet er nicht eigentlich mit menschlicher Kraft, sondern mit mechanischer Fertigkeit.«
Wer entscheidet folglich in komplexen Fragen, deren Ausgang höchst unklar ist?
»In diesem Wechselspiel von Risiko, Sicherheit und Freiheit taucht selten das Problem der Verantwortlichkeit auf.«
Diese Frage muss, wie so manche anderen, offen bleiben oder vertagt werden...
»Man muss ja nicht auf alle Fragen gleich eine Antwort finden!«
Andere Episoden
Episode 153: Potent Stuff, A Conversation with Prof. Jacob Howland
Episode 137: Alles Leben ist Problemlösen
Episode 135: Friedrich Hayek und die Beschränktheit der menschlichen Vernunft. Ein Gespräch mit Nickolas Emrich
Episode 133: Desinformiere Dich! Ein Gespräch mit Jakob Schirrmacher
Episode 126: Schwarz gekleidet im dunklen Kohlekeller. Ein Gespräch mit Axel Bojanowski
Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger über Generationen
Episode 122: Komplexitätsillusion oder Heuristik, ein Gespräch mit Gerd Gigerenzer
Episode 117: Der humpelnde Staat, ein Gespräch mit Prof. Christoph Kletzer
Episode 106: Wissenschaft als Ersatzreligion? Ein Gespräch mit Manfred Glauninger
Episode 103: Schwarze Schwäne in Extremistan; die Welt des Nassim Taleb, ein Gespräch mit Ralph Zlabinger
Episode 91: Die Heidi-Klum-Universität, ein Gespräch mit Prof. Ehrmann und Prof. Sommer
Episode 88: Liberalismus und Freiheitsgrade, ein Gespräch mit Prof. Christoph Möllers
Episode 72: Scheitern an komplexen Problemen? Wissenschaft, Sprache und Gesellschaft — Ein Gespräch mit Jan David Zimmermann
Episode 44: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Philipp Blom
Episode 28: Jochen Hörisch: Für eine (denk)anstössige Universität!
Referenzen
Konrad Paul Liessmann:
Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, Paul Zsolnay Verlag (2006)
Lauter Lügen. Und andere Versuche, die Wahrheit zu sagen, Paul Zsolnay Verlag (2015)
Was nun? Über die Zukunft. Eine Philosophie der Krise, Paul Zsolnay Verlag (2021)
Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797)
Platon, Politeia
John Stuart Mill, On Liberty, John W. Parker and Son (1859)
Benito Mussolini, Rede vor dem Gran Consiglio del Fascismo (1929), zitiert in Friedrich von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, Eugen Rentsch Verlag (1945) [engl. Original: The Road to Serfdom, Routledge (1944)]
Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)
Elias Canetti, Masse und Macht, Claassen Verlag (1960)
Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika (De la démocratie en Amérique, 1835/1840)
Thomas Sowell, Knowledge and Decisions, Basic Books (1980)
Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (The Open Society and Its Enemies, Routledge (1945))
Orakel von Delphi
C. S. Lewis, Is Progress Possible? Willing Slaves of the Welfare State (1958), in: God in the Dock, Eerdmans (1970)
C. S. Lewis, Learning in War-Time (1939), in: The Weight of Glory and Other Addresses, Macmillan (1949)
Wilhelm von Humboldt, Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (verfasst 1792, posthum erstveröffentlicht 1851 bei Eduard Trewendt, Breslau).
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